Sagenstark, Neue Sagen von den Sagenstarken. Zugdurchfahrt

Am Bahnhof Rheinfelden

Ein Xylophon-Doppelklang fliegt über das Perron.

Aus versteckten Lautsprecherboxen spricht eine freundliche Männerstimme:
Vorsicht. Zugdurchfahrt. Gleis drei.

Sie klingt sanft
und gleichzeitig alarmierend
als wäre dies ein Aufruf an alle Wartenden auf dem Perron
als hätten sie noch Zeit, sich in Sicherheit zu bringen.

Neben dem Perron liegt das Gleisbett
und die Schienen laufen aufeinander zu
bis zu jenem Punkt
woher der Zug nahen soll
wo Luftschwaden flirren.

Die Lokomotive wird sichtbar
ihre drei Lichter
werden rasch grösser
wachsen schnell
die Schienen zischeln
daraus wird ein gefährliches Singen
ein quälender, hoher Ton, der durch die Schienen dringt und sich in ein Donnern verwandelt.

Die Lokomotive stürmt wie ein Schlägertrupp heran
brausend, höllisch laut und gross
rast durch den Bahnhof
und zieht Güterwaggons und Erdöltanks und Aluminiumcontainer hinter sich her
die toben und quietschen und gellen und donnern und rumpeln
und im Zwischenraum zwischen zwei Waggons
erschreckend
eine Zehntelsekunde nur sichtbar
ist ein Mensch
der rittlings auf einem Puffer sitzt
beide Arme zum Jubel hochreckt
eine spitze Nase und Zahnlücken
und ein wildes Lachen hat
und sich die Seele aus dem Leib kreischt.

Schon donnern weitere Waggons vorüber
bis fauchend der Letzte heranbraust und den anderen nachhetzt
danach stösst der Wind Metallgeruch, Staub und alte Blätter über das Perron.

Das Scheppern verliert sich
verrieselt im eigenen Echo
und die Wartenden blicken vor sich hin
glätten ihre Haare
als wäre nichts gewesen.

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Sagenstark | Neue Sagen aus der Schweiz. Das Häxli

Das Häxli

Der Frühling kommt näher. Ich erinnere mich, in meiner Primarschulzeit gab es ein Mädchen, dem wir Häxli sagten, weil es so verwachsene und wilde Haare hatte und weil es blitzgescheit war. Seine Augen hatten unterschiedliche Farben, das linke war grün, das rechte grau.

Im Turnunterricht spielten wir oft Bändelfangen, und einmal blieben nur das Häxli und ich übrig, alle anderen hatte es erwischt. Nun jagten sie uns erbittert, versuchten uns einzukreisen oder in eine Ecke zu treiben. Das Häxli fegte wie ein Wirbelwind durch die Turnhalle, man wurde fast schwindlig. Es konnte solche Haken schlagen, dass man mit den Augen nicht mehr nachkam.

In der Aufregung prallten wir zusammen, und ich spürte seinen Arm auf meinem Arm. Einen Augenblick lang klebten wir aneinander, hielten inne, gleich darauf stob das Häxli wieder davon. Auf der Haut meines Armes glänzte der Schweiss vom Häxli. Ich wischte ihn mit den Fingerspitzen auf und roch daran. Es duftete süss, nach Kräutern oder Wurzeln, nach Erde, irgendwie nach Frühling. Auf der Zunge hinterliess er ein scharfes, salziges Kribbeln.

Man hatte mich erwischt. So lief ich mit dem Rest der Klasse dem Häxli hinterher, um es einzufangen. Es surrte jedoch so lange weiter, bis die Lehrerin lachend rief, es sei genug, fertig!,  das Häxli habe gewonnen.

Von jenem Tag an versuchte ich, so oft wie möglich in seiner Nähe zu sein, mit ihm Dinge zu besprechen oder auf dem Schulweg mit ihm dem Mäuerchen entlang zu laufen. Ich läutete an seiner Haustür, obschon mir verboten war, bis zu den Häusern hinter den Bahngleisen zu gehen. Das Häxli war mir immer einen Schritt voraus. Wenn ich ankam, war es meist weg, wenn ich mich setzte, stand es auf, wenn ich eine Frage hatte, kannte es die Antwort.

Es sagte häufig, ich sei ein Tollpatsch!, und ich gab zurück, es sei eine Hexe! Die meisten meiner kleinen Geschenke nahm es trotzdem an.

Ich wusste, dass das Häxli während der Frühlingsferien wegziehen würde. Ich wäre gerne da gewesen, um ihm Lebewohl zu sagen. Meine Eltern schickten mich jedoch wie immer zu meiner Cousine nach Thun für zwei Wochen, wo ich zwei abwechslungsreiche Wochen verbrachte, es war immer viel los, nur abends spürte ich ein schmerzendes Ziehen in der Brust, wenn ich an das Häxli dachte.
Danach war es verschwunden.

Ganz selten, vielleicht einmal im Jahr im Frühling, wenn es am Vorabend getröpfelt hat und am frühen Morgen die Sonne scheint, wenn ein leichter Wind über den gewärmten Boden und durch wartende Büsche fliesst, dann kann es sein, dass plötzlich eine Erinnerung an das Häxli zu mir weht, als wäre es plötzlich ganz nah.

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Sagenstark | Topograph von Gansingen

Der Topograph von Gansingen

Am Silvesternachmittag 1899 wanderten Balzli und sein Vater vom Dorf Gansingen auf den Cheisacher. Der Weg lag gut gepolstert unter dem Laub des vergangenen Herbstes. Auf der Anhöhe erhob sich eine pyramidenförmige Holzkonstruktion. Balzli hatte diese schon öfter gesehen und wollte vom Vater wissen, was es damit auf sich habe. Der Vater wies auf einen Stein, der unter der Pyramide in den Boden gesetzt worden war. …weiterlesen

sagenstark linner linde lindwurm

Der Lindwurm

Sie spazierte zur Linner Linde und schaute übers Land. Auf der gegenüberliegenden Hügelkette ragte die Habsburg aus dem rotgoldenen Herbstwald. Die Abendsonne liess die Farben geradezu explodieren. Die Ruine stand wie erloschen in diesem Feuer.

Alles war übers Jahr gekeimt und gereift und schien nun in Flammen zu stehen. Alles ausser der Burg und ihr selbst. Der Schatten der Linde legte sich auf sie. Sie setzte sich auf eine Bank. Bald würde die Sonne untergehen und unten im Tal die Lichter angehen. Jetzt schon sah man vereinzelt, wie im Wald auf der anderen Talseite die Lichter eines Autos nach dem Weg spähten. …weiterlesen

Sagentark | Gold im Fricktal

Gold im Fricktal

Als die Grenze zwischen Vorderösterreich und Bern im Fricktal verlief, stand an der Strasse zum Bözberg ein Gasthaus mit Ställen für Zugpferde. Jeder Reisende hielt gerne an, um sich mit einer Suppe zu stärken oder um dort zu übernachten. Eine freundliche und warmherzige Frau führte den Hof. Sie fand für alle Hungrigen und Müden ein gutes Wort. Sie empfing diese, wenn sie in den Hof einbogen und …weiterlesen

Sagenstark | Der Hase am Kreisel

Der Hase am Kreisel

Früher als sonst machte sie sich auf den Weg zur Arbeit. Der Morgen dämmerte heran. Vor ihr breitete sich das weite Feld zwischen Aare und Schinznach-Dorf aus, Nebelschwaden tanzten gespenstisch über dem Boden. Im Radio versprachen sie einen milden Frühlingstag, davon war jetzt noch nichts zu bemerken. …weiterlesen