Sagenstark. Eine Sommernacht in Arbon

Eine Sommernacht in Arbon

Sein Knie schmerzte. Er verharrte an seiner Stelle im Hintergrund der Bühne und spielte die Gitarre. Auf dem erhöhten Podest war die Hitze weit drückender als vorne am Bühnenrand, wo manchmal ein Luftzug vom See her kam.
Aber er wollte durchhalten.
Dies war seine Band, und dies waren seine Songs. Vor 32 Jahren hatte er sie geschrieben und auch selbst gesungen, heute musste er dies dem jungen Sänger überlassen, der sich vor dem Publikum räkelte und in den Hüften wiegte.
Der Sound war derselbe geblieben. Er gefiel den Menschen noch immer. Sie sangen die Melodien mit und wiegten die Arme zu tausenden wie Schilf hin und her. Daran hatte sich nichts geändert.
Neu waren die Strapazen. Mit jedem Auftritt wurde die Europa-Tournee für ihn anstrengender. Die langen Reisen. Die unerträgliche Hitze. Das Knie. Die Choreographie verlangte, dass er mehrmals von seinem Podest ins Scheinwerferlicht am Bühnenrand trat, um ein Solo zu spielen. Die Menschen wollten ihn sehen, den Weltstar, das war er ihnen schuldig. Auch hier, in Arbon.

Als er nach vorn trat, machten ihm der Sänger und der Bassist Platz. Er liess den Blick über das Meer der Köpfe fahren, dann hinauf zum Himmel. Im selben Moment kam hinter einer Wolke der Vollmond zum Vorschein. Gewaltig gross stand dieser am Sommernachthimmel und strahlte hell. Der Star wurde von einem kräftigen Sog ergriffen, es rauschte und brauste, der Boden bebte. Dann wurde er mitsamt der Bühne, den Musikern, dem Publikum, dem Mann am Mischpult und allen, die um die Bühne standen, in den Himmel gehoben. Schon flog er über das Schloss, dann über die Arboner Bucht und hoch über den Bodensee und immer höher, bis er den Mond erreichte.
Dort setzte er neu an. Seine Finger standen wie unter Strom, die Töne kamen klar und scharf, und die Band liess sich von ihm anstecken. Als wären die Songs zu neuem Leben erwacht, klangen sie schneller, überraschender. Kräftige Beats peitschten über den Himmel. Das Publikum blickte verblüfft zu ihm hoch, er lächelte ihnen zu, dann stampfte der Rhythmus, und sie begannen zu tanzen.
Es wurde ein wildes, übermütiges Konzert. Zwischendurch spielte er schnelle Läufe oder sprang mit der Gitarre auf einem Bein quer über die Bühne und wieder zurück. Zum Schluss warf er die Arme in die Luft und stiess einen Freudenschrei aus. Donnernder Applaus. Die Zuhörer verlangten Zugaben, viele Zugaben. Er lachte, nickte dem jungen Sänger zu, und sie spielten drei weitere Hits.
Dann der Schlussapplaus.
Danach schwebte er mit der Bühne, dem Publikum, dem Mischpult, dem Barbetrieb und allen anderen, die dabei waren, wieder zurück nach Arbon, wo er wie eine Feder auf dem Festivalgelände landete.

Der Weltstar sagte später, jenes Konzert sei ein ganz besonderes Konzert gewesen.

Siehe auch:
Warum fliegen sie nicht?. In Schweizer Sagen kommen nur selten Figuren vor, die fliegen. Warum ist das so?

 

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