Die Elfe vom Heimatlosenplatz

Die Elfe vom Heimatlosenplatz

Wenn die Anwiler, Kienberger und Wittnauer vor mehr als hundert Jahren vom Heimatlosenplatz sprachen – was weiss Gott nicht oft vorkam –, dann meinten sie ein Stück Land, das zwischen ihren Dörfern lag. Es war eigentlich gar kein Platz, sondern ein steiler, bewaldeter Hang. Brombeeren und anderes Gestrüpp wucherten am Boden und man brauchte einen Gertel, um sich einen Weg freizuschlagen. Man hätte den Platz auch den vergessenen Ort nennen können, denn bei der Ziehung der Kantonsgrenzen hatten die Behörden das Land schlicht und einfach übrig gelassen. Auf der Karte lag es als ein kleines, ungleichseitiges Dreieck zwischen den Kantonen Aargau, Baselland und Solothurn.

Es begab sich im Gründungsjahr des Schweizer Bundesstaats, dass drei Fahrende in zerschliessenen Kleidern bei den Bauern von Wittnau und Kienberg anklopften. Sie anerboten sich für ein Stück Brot oder eine Handvoll Kartoffeln, Messer zu schleifen. Meistens wurden sie unter wüsten Beschimpfungen von den Höfen gejagt und stets fürchteten sie, von einem Landjäger gefasst und ins Gefängnis geworfen zu werden. In der Nacht versteckten sie sich im Wald des Heimatlosenplatzes, wo sie ein einfaches Lager aus Blättern aufgeschlagen hatten.

In einer besonders kalten Nacht entfachten die Drei ein Feuer. Als sie sich hinlegten, fand der Jüngste von ihnen keinen Schlaf. Aus Angst, jemand würde den Rauch entdecken und die Landjäger rufen, horchte er auf jedes Geräusch. Da hörte er plötzlich lieblichen Gesang.

In dem Wald wohnte auch eine Elfe. Ihre Zeit verbrachte sie damit, in den Baumwipfeln zu summen oder ihr langes Haar in einem kleinen Bach zu waschen. Sie hatte die Menschen im Wald bemerkt, und weil sie Gesellschaft mochte, sang sie für die Drei. Gleichzeitig verblies sie den Rauch des Lagerfeuers in kleine unscheinbare Wölkchen.

Der junge Mann begann bei den süssen Klängen zu weinen. Als die Elfe das Schluchzen vernahm, schwebte sie zu Boden und hüllte den Weinenden ins Haar. Er kam allmählich zur Ruhe. Am nächsten Morgen erwachte er völlig erquickt. Zu seiner Enttäuschung war die Elfe verschwunden. Er suchte im Wald nach ihr. Doch erst in der Dämmerung zeigte sie sich ihm wieder. Sie tanzten und lachten bis weit in die Nacht hinein und der junge Mann fühlte sich so unbeschwert wie nie zuvor.

Die Elfe mochte den Jüngling und in ausgelassenem Spiel liess sie sich von ihm in ein Astloch sperren. Als sie trommelnd um Freiheit begehrte, rief der Mann: «Nur wenn du mir versprichst, bei mir zu bleiben.»

Unterdessen näherten sich zwei Landjäger von Anwil her. Sie waren durch das Feuer aufmerksam geworden. Als sie weiter unten jemanden sagen hörten: «Versprich es!», schoss einer der Landjäger in die Dunkelheit. Der junge Mann, an der Schulter getroffen, taumelte, fing sich auf und begann erschrocken um sein Leben zu laufen. Ob er an der Verwundung starb, ist ungewiss. Jedenfalls kehrte er nie wieder zurück. Die Elfe aber ist seither in einer Föhre gefangen.

1930, im Zug der Grenzbereinigung, wurde der Heimatlosenplatz von der Landkarte getilgt und grösstenteils dem Kanton Aargau einverleibt. Wer heutzutage nachts in dem steilen Gelände nach einem Weg durch den Wald tastet, erahnt den tröstenden Gesang der Elfe. Und wer sie dereinst befreit, dem wird grosses Glück zuteil.

 

Siehe auch:
Christian Schaub: Wunsch ans Sagenstark-Team. Geschichtlicher Hintergrund zur Sage

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