Sagenstark. Neue Sagen aus der Schweiz. Der Uniformierte

Der Uniformierte

In der Nähe von Grandson liegt am Neuenburgersee ein Campingplatz, von dem man sich merkwürdige Geschichten erzählt. Ich fuhr einst in die Gegend und erreichte den Campingplatz am Abend nach einer heissen Radtour. Man wies mir einen Platz direkt am Ufer des Sees zu, wo ich das kleine Zelt aufbaute, ein Bad nahm und mich bald zur Ruhe legte.
In der Nacht erwachte ich nervös. Ich löste den Reissverschluss. Sofort drang kühle, frische Luft herein, ein Sterneisfächeln, das über dem See lag. Ich schlüpfte aus dem Zelt. Das Gras war feucht, Wasserperlen drangen zwischen die Zehen, hüpften auf die Füsse und liefen über die Haut.
Aus den anderen Zelten stieg gleichmässiges Menschenatmen, dazu flüsterte es aus dem nahen Schilfgürtel. Der See war still. Mein Blick glitt über die Wasseroberfläche und blieb an einem Mann hängen, der etwa 100 Meter vom Ufer entfernt aufrecht auf dem Wasser stand. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen, aber er schwankte leicht hin und her, und er hatte keine Arme.
Dann näherte sich ein Ruderboot und kam neben dem Mann zum Halten. Dieser stieg unter Ruderklappern und Knarzen ins Boot, danach schöpften die Ruder erneut durch das Wasser, und das Boot verschwand.

Am nächsten Morgen tauchte ein baumlanger Uniformierter vor dem Zelt auf.
Guten Morgen, sagte ich.
Sie müssen hier weg, sagte er. Kommen Sie! Das Zelt lassen Sie hier. Sie fahren in meinem Wagen.
Erst jetzt fiel mir auf, dass auf dem Campingplatz lähmende Stille herrschte, keine Rufe, keine laufenden Schritte zwischen den Zelten, kein Gezeter von den Spültrögen, keine Musik vom Restaurant, kein Rauschen von den Duschkabinen, nicht einmal Vogelstimmen aus dem Waldstück waren zu hören. Der Uniformierte zog mich am Arm mit sich, ich stolperte ihm durch die Wiese hinterher.
Halt! Was ist mit meinen Sachen?
Er schüttelte den Kopf, wir müssen weg, so schnell wie möglich, sagte er. Was haben Sie hier so lange gemacht?

Er hastete zum Eingang, wo der Campingplatzleiter auf der Einfahrt lag, dann am Butangasdepot entlang bis zum Parkplatz. Ich blickte erschrocken über die Schulter zurück. Was ist passiert?
Steigen Sie ein! befahl der Uniformierte und öffnete einen massigen Wagen mit abgedunkelten Scheiben. Ich setzte mich auf den Rücksitz und schloss die schwere Tür. Der Uniformierte schlug seine Schuhe an den Rand des Wagens, um die Sohlen auszuklopfen, dann schwang er die langen Beine herein und drehte sofort den Zündschlüssel. Sein Blick im Rückspiegel betrachtete mich missbilligend.
Sie sind der Letzte. Ich bringe Sie in Sicherheit. Aber das Fenster bleibt geschlossen.
Dann steuerte er den Wagen über den staubigen Feldweg bis zur Hauptstrasse und von da zur Autobahn, die so ausgestorben war wie die Dörfer und die Stadt, die wir durchquert hatten. Die Tachometernadel verharrte stur auf 120.
Plötzlich fluchte er, riss das Steuer nach links und streifte seitlich die Leitplanke, was durch den Wagen dröhnte. Auf der Fahrbahn lagen hunderte von Kleidern, die vereinzelt vom Wind bewegt wurden und wie lebendig aussahen. Es rumpelte. Danach fuhr der schwere Wagen hämmernd und prasselnd durch ein buntes Meer von Schuhen. Ich hielt mir die Ohren zu und schloss die Augen.

Nach drei Stunden hielt er am Rand einer Blocksiedlung. Die Balkone blickten stumm auf eine Wiese. Bin gleich zurück, sagte der Uniformierte und strebte einem Wohnblock zu. Ich stieg aus. Der Rücken schmerzte, die Beine waren eingeschlafen und kribbelten, sobald ich das Gewicht verlagerte. Ich schaute mich um. Im fünften Stock öffnete und schloss sich eine verglaste Türe im Wind, sonst nichts.
Dann hörte ich hinter mir Stimmen.
Ich sah eine Mutter mit einem Dreirad unter dem Arm, die mit ihren beiden Kindern auf dem Heimweg unterwegs war. Das grössere Kind trug einen blauen Hut und eine Kindergartenumhängetasche, und es sang mit heller Stimme ein Lied, begleitet von der Mutter. Etwas weiter hinten balancierte das kleinere Kind sorgfältig auf dem Rinnstein zwischen Wiese und Strasse. Es hatte einen kahlen Kopf, mit Ausnahme vereinzelter Haare, die im Sonnenlicht glänzten. Es sang mit dem Bruder und der Mutter, ein leichtes, wiegendes Lied, das tröstlich klang.

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