Sagenstark. Neue Sagen aus der Schweiz. Herr Renfers Seele wandert

Herr Renfers Seele wandert

Ich kann erst heute darüber sprechen.
Als Buben schauten wir die Fussball-Länderspiele immer bei Herrn Renfer vom ersten Stock. Bei ihm durften wir so richtig toben, wenn es Tore gab. Und auch sonst. Eines Tages, die Schweiz war gerade in Rückstand geraten, erstarrte Herr Renfer in seinem grünen Sessel und bekam einen leeren Blick. Seine Augen waren weit geöffnet, ebenso sein faltiger Mund. Wir sagten: Hallo, Herr Renfer! Aber er rührte sich nicht.

Herbie flüsterte, wir müssen es Frau Wohlgroth sagen, vielleicht ist etwas passiert, ein Herzinfarkt oder so.
Herzinfarkt, dummes Zeug! sagte ich, dann wäre er ja tot, aber Herbie war schon aus der Wohnung gelaufen. Ich ging ganz nahe an Herrn Renfers Gesicht und sagte: He Sie, Herr Renfer?
Es war, wie wenn ich in ein leerstehendes Haus hineingerufen hätte.

Frau Wohlgroth schaute sich im Wohnzimmer um, trat zu Herrn Renfer und strich ihm mit ihrer schmalen Hand über Stirn und Augen. Sie nickte. Dann streichelte sie zu unserem Erstaunen seine Wangen und lächelte.
Schläft er? fragte Herbie.
Kinder, sagte Frau Wohlgroth, Herr Renfers Seele ist für ein paar Stunden auf Wanderschaft gegangen. Sie kommt bald wieder. Ihr könnt das Spiel zu Ende schauen, aber ihr dürft nichts berühren und vor allem – Herrn Renfer auf keinen Fall bewegen! Seine Seele findet sonst nicht mehr zurück. Ich starrte auf die im Sessel aufgerichtete Gestalt Herrn Renfers. Lass uns abhauen Herbie! sagte ich, und wir machten, dass wir fortkamen.

Drei Monate später stand das nächste Spiel an. Klar, dass wir läuteten. Reinkommen! rief Herr Renfer von innen. Wir betraten das Wohnzimmer, setzten uns auf die Polstergruppe, während er von seinem Sessel aus den Nationaltrainer und die Gegner beschimpfte. Holt euch die Erdnüsse und das Pepita, sagte er. Sein Glas Whisky stand vor ihm. Alles wie sonst.

Kurz nach der Halbzeitpause – das Spiel plätscherte so dahin – stiess mich Herbie in die Seite. Er starrt wieder! flüsterte er. Sein Mund steht offen. Hauen wir ab?
Dummes Zeug, Herbie! Wir bleiben da. Seine Seele wandert.
Aber dann passierte es: eine hohe Hereingabe, dann die Direktabnahme, leicht abgefälscht, schon lag der Ball im Netz. Verdammt! Es war zum Haare raufen. Wir brüllten. Wir schrien. Herbie versetzte dem Clubtisch einen Fusstritt. Scheissgoalie! stiess er hervor. Libero, du Esel! lärmte ich. Wir hämmerten mit den Fäusten auf die Sitzpolster, verwarfen die Arme, das ganze Programm, und dabei stiess ich aus Versehen an Herrn Renfers Sessel. Sein Arm fiel von der Lehne, sein Oberkörper kippte langsam nach vorn. Obacht Herbie! schrie ich, aber schon stürzte der schwere Körper vornüber und schlug zu Boden.
Herr Renfer! sagten wir.
Dann sprangen wir auf, wälzten ihn auf den Rücken. Ein leerer Blick. Dann zogen und stiessen wir den Körper in eine Lage, aus der wir glaubten, ihn wieder in den Sessel hochheben zu können. Aber er war zu schwer, nur schon sein Kopf schien Tonnen zu wiegen.
Wir haben ihn bewegt, oder? sagte ich. Herbie nickte.
Schnell! Jetzt muss Frau Wohlgroth her! Du bleibst hier Herbie, sagte ich und lief in den vierten Stock hinauf. Aber das dauerte. Als sie endlich im Wohnzimmer erschien, hatten Herr Renfers Lippen eine bläuliche Farbe angenommen. Sein Gesicht war weiss.
Kinder, es ist zu spät, sagte sie, drückte den Knopf, und das Fernsehpiepsen fiel mit dem Bild in sich zusammen.

 

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3 Gedanken zu “Herr Renfers Seele wandert

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