Sagenstark | Neue Sagen aus der Schweiz. Das Häxli

Das Häxli

Der Frühling kommt näher. Ich erinnere mich, in meiner Primarschulzeit gab es ein Mädchen, dem wir Häxli sagten, weil es so verwachsene und wilde Haare hatte und weil es blitzgescheit war. Seine Augen hatten unterschiedliche Farben, das linke war grün, das rechte grau.

Im Turnunterricht spielten wir oft Bändelfangen, und einmal blieben nur das Häxli und ich übrig, alle anderen hatte es erwischt. Nun jagten sie uns erbittert, versuchten uns einzukreisen oder in eine Ecke zu treiben. Das Häxli fegte wie ein Wirbelwind durch die Turnhalle, man wurde fast schwindlig. Es konnte solche Haken schlagen, dass man mit den Augen nicht mehr nachkam.

In der Aufregung prallten wir zusammen, und ich spürte seinen Arm auf meinem Arm. Einen Augenblick lang klebten wir aneinander, hielten inne, gleich darauf stob das Häxli wieder davon. Auf der Haut meines Armes glänzte der Schweiss vom Häxli. Ich wischte ihn mit den Fingerspitzen auf und roch daran. Es duftete süss, nach Kräutern oder Wurzeln, nach Erde, irgendwie nach Frühling. Auf der Zunge hinterliess er ein scharfes, salziges Kribbeln.

Man hatte mich erwischt. So lief ich mit dem Rest der Klasse dem Häxli hinterher, um es einzufangen. Es surrte jedoch so lange weiter, bis die Lehrerin lachend rief, es sei genug, fertig!,  das Häxli habe gewonnen.

Von jenem Tag an versuchte ich, so oft wie möglich in seiner Nähe zu sein, mit ihm Dinge zu besprechen oder auf dem Schulweg mit ihm dem Mäuerchen entlang zu laufen. Ich läutete an seiner Haustür, obschon mir verboten war, bis zu den Häusern hinter den Bahngleisen zu gehen. Das Häxli war mir immer einen Schritt voraus. Wenn ich ankam, war es meist weg, wenn ich mich setzte, stand es auf, wenn ich eine Frage hatte, kannte es die Antwort.

Es sagte häufig, ich sei ein Tollpatsch!, und ich gab zurück, es sei eine Hexe! Die meisten meiner kleinen Geschenke nahm es trotzdem an.

Ich wusste, dass das Häxli während der Frühlingsferien wegziehen würde. Ich wäre gerne da gewesen, um ihm Lebewohl zu sagen. Meine Eltern schickten mich jedoch wie immer zu meiner Cousine nach Thun für zwei Wochen, wo ich zwei abwechslungsreiche Wochen verbrachte, es war immer viel los, nur abends spürte ich ein schmerzendes Ziehen in der Brust, wenn ich an das Häxli dachte.
Danach war es verschwunden.

Ganz selten, vielleicht einmal im Jahr im Frühling, wenn es am Vorabend getröpfelt hat und am frühen Morgen die Sonne scheint, wenn ein leichter Wind über den gewärmten Boden und durch wartende Büsche fliesst, dann kann es sein, dass plötzlich eine Erinnerung an das Häxli zu mir weht, als wäre es plötzlich ganz nah.

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2 Gedanken zu “Das Häxli

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