Sagenstark. Das Rufchen. Stiefel.

Das Rufchen

Im Jura erscheint manchmal auf Weiden oberhalb von steilen, baumbewachsenen Hängen das Rufchen. Menschen, die Gutes im Sinne haben, hilft es. Wenn sie sich verirrt haben, zeigt es ihnen den sicheren Heimweg. Menschen mit schlechtem Lebenswandel hingegen sollten sich davor hüten, dem Rufchen zu folgen. Denn wer allzu neugierig ist oder es fangen will, kann leicht mit dem Leben bezahlen. Schon viele sind in ihrem gierigen Bestreben über eine Felswand hinunter zu Tode gestürzt.

Ein junger Mann aus Court dachte oft an Hélène aus der nahen Stadt. Wenn er aufstand, trug er ihr Bild aus dem Traum in sich. Und bevor er abends wieder zu Bett ging, blickte er aus dem Fenster in den Nachthimmel und sah das Blinken der Sterne wie einen Gruss von ihr. Manchmal schoss er aus Gedanken auf und lief durch das Dorf in den Wald hinauf. Erst abends kam er dann wieder zurück, schwer atmend. Sie lachte, wenn sie ihn sah. «Dein Herz klopft», sagte sie.

Der Sommer ging vorbei, die Herbstwinde fegten Blätter durch die Schlucht, danach hielt mit eisiger Kälte der Advent Einzug. Am dritten Adventssonntag stieg er den Wald hinauf, kam beim Steinbruch vorbei, über dem heute der Lac Vert liegt, und erreichte die verschneiten Weiden auf dem Bergrücken. Dort hielt er inne.

Er spürte eine eigentümliche Sehnsucht in sich aufsteigen. Sie zog ihn zum nahen Wald. Von dort hörte er eine schwache Stimme, die ihn rief. Schnell stapfte er zum Waldrand, bückte sich ins Dickicht, trat über Äste, durch Farnkraut und über weiche Fichtennadelpolster. Dann blieb er stehen. Das Rufen kam erneut, ganz deutlich hörte er seinen Namen.

Dann fand er unter einer Fichte einen kleinen, uralten Mann. Dieser hatte eine Haut wie Borke, einen langen Bart, und er roch nach Erde. «Komm näher», sagte er, und seine Augen stachen scharf aus dem runzligen Gesicht.
Erschrocken sagte der junge Mann: «Bitte tu mir nichts. Alles, was ich wünsche, ist ein Rat.» Der Alte nahm einen Schluck aus einer kleinen Flasche.
«Ich liebe Hélène», fuhr der Jüngling fort, «aber weiss nicht, ob ich sie heiraten soll.»
Der Alte schüttelte den Kopf und wandte sich zum Gehen. Als der Junge ihm nachkam, blieb er stehen und knurrte: «Ich sage dir eines, Dummkopf! Hélène wartet nicht. Beeil dich, sonst ist es zu spät. Und jetzt geh!»

Der junge Mann lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter, und sein Herz schien fast zu zerspringen, als er beim Haus von Hélène anlangte. Schwer atmend klopfte er an die Tür. Nichts geschah. Er setzte sich auf die verschneite Bank im Garten und wartete so lange, bis die Kerzen in den Nachbarhäusern angezündet wurden. Aber dann erhob er sich und machte sich enttäuscht auf den Heimweg.

Es begann zu schneien. Wenige Schritte, nachdem er die letzten Häuser hinter sich gelassen hatte, sah er ein Licht den Berg hinunterkommen und sich ihm rasch nähern. Er blieb stehen, bis er erkannte, wer es war.
«Hélène!» rief er und lief ihr entgegen, «willst du mich heiraten?»
«Aber ja!» kam es freudig von ihr zurück.
Schon standen sie voreinander, und er ging vor ihr auf die Knie. Da fiel ihm auf, dass Fichtennadeln an ihren Schuhen hafteten.

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