Sagenstark. Besuch von der Wandfrau

Besuch von der Wandfrau

Nach der Beerdigung von Renatas Vater blieben wir etwas länger im «Wyssen Rössli» von Schwyz sitzen. Die übrige Trauergesellschaft war aufgebrochen. Manchmal zitterten Renatas Lippen, wenn sie von ihrem Vater erzählte. Sie hatte ihn gern gehabt.
Ihr Vater hatte in einem Haus oberhalb von Rickenbach unter der Wand des Gross Mythen gewohnt. Er hatte beträchtliches Werkzeug und Baumaterial in seiner Werkstatt und im Anbau angesammelt, genug, um ein ganzes Dorf auszurüsten. Aber nie hatte er etwas davon einem Nachbarn ausgeliehen. Er war zu sehr Einzelgänger.

Abends besuchte ihn manchmal die Wandfrau, eine grosse, hagere Frau, von der es hiess, sie wache darüber, dass der Gross Mythen weder Steine noch Felsen abstürzen lasse. Er machte ihr seine Kartoffeln mit Spiegeleiern, und sie sass am Küchentisch und schaute ihm dabei zu. Nach dem Essen tranken sie Tee und redeten bis in die Nacht hinein.
Immer bevor es Mitternacht schlug, erhob sie sich und sagte:

«Für mich ist es Zeit. Wann ist es Zeit für dich?»

Er schüttelte jedes Mal den Kopf und begleitete sie bis zur Tür. Dann stieg die Wandfrau die steile Wiese zum Waldrand hinauf und verschwand.

Anfang November stürzte der Vater unglücklich. Man brachte ihn ins Spital, für eine kleine Operation nur, aber danach liess ihn eine Infektion rasch schwächer werden. Renata war besorgt. Von Mal zu Mal schien seine Haut dünner.
An einem besonders nebligen Abend sass sie wieder neben seinem Bett, und sie sprach mit ihm über Familienfeiern, über sein Haus und den Garten, über die gemeinsamen Bergwanderungen, aber bald verlor sie den Faden und schwieg. Der Vater hatte die Augen geschlossen und döste.
Plötzlich ging die Türe auf. Eine grosse Frau kam herein. Ihr Haar war streng nach hinten gekämmt. Ohne von Renata Notiz zu nehmen, trat sie an das Bett, neigte sich herunter und betrachtete das Gesicht des Vaters.

«Für dich ist es jetzt Zeit», flüsterte sie.

Danach wandte sie sich um und ging zielgerichtet aus dem Krankenzimmer, dessen Tür sich mit einem leichten Seufzer hinter ihr schloss. Als Renata sich verwundert nach ihrem Vater umsah, war er gestorben.

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Siehe auch: «Die Biberfrau»

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