Sagenstark | Moderne Sagen

Die Biberfrau

Wie jeden Abend ging er mit seiner Labradorhündin nach draussen. Das Wasser schimmerte im Mondschein. Plötzlich entdeckte er die schlanke, schwarze Silhouette einer Frau auf der Eisenbahnbrücke. Sie beugte sich übers Brückengeländer und starrte ins Wasser. Die Hündin wurde unruhig und bellte heiser. Die Frau fing an, sich auszuziehen. Achtlos wie es schien.

Als sie übers Geländer kletterte, schrie er ihr zu, es nicht zu tun, aber sie wandte nicht einmal den Kopf und sprang. Als das Wasser sie verschluckte, gab es keinen Laut von sich. Er zählte die Sekunden und atmete erleichtert auf, als ihr Kopf wieder auftauchte. Dieser bildete die Spitze eines immer länger werdenden silbernen Schweifes im Wasser.

Wohin sie wohl schwamm? Er rannte die Stufen hoch auf die Brücke und zerrte seine Hündin hinter sich her. Bei den Kleidern der Frau blieb er stehen. Sie hatte nichts weiter als einen Pyjama, einen altmodischen Morgenrock und samtene Pantöffelchen getragen. Er bückte sich nach den Kleidern, da schoss seine Hündin hervor und schnappte nach seiner Hand. Er rieb sich die Finger. So etwas hatte sie noch nie getan.

Vor ihm vereinten sich die beiden Flussläufe. Das Schauspiel wurde vom Mond majestätisch erleuchtet. Weiter vorne entdeckte er einen zweiten dunklen Fleck im Wasser. Er hätte schwören können, dass dort Biber schwammen, aber zumindest einer der Flecken musste die Frau sein.

Er liess die Labradorhündin von der Leine. Sie gingen über die Brücke. Am Ende bogen sie in den schmalen Pfad zum Flussufer hinab. Es war kein offizieller Weg, nur ein kleiner Trampelpfad. Weder Reuss noch Aare führten viel Wasser. Am Ufer erstreckte sich eine lange Kiesbank. Er stolperte über die rutschigen Steine und wusste eigentlich gar nicht, was ihn antrieb. Es beruhigte ihn einigermassen, seine Hündin dicht hinter sich zu wissen. Bald erreichte er die äusserste Spitze der Kiesbank.

Die Flecken im Wasser zogen Kreise. Er vernahm einen harten Schlag. Waren es doch Biber, die ihn bemerkt hatten? Einer der Flecken tauchte unter, der andere wechselte die Richtung und schwamm direkt auf ihn zu.

Splitternackt stieg sie aus dem Wasser. Ihre Haut strahlte weiss im Mondlicht. Und obwohl sie überhaupt nicht zu frieren schien, zog er seinen Wintermantel aus, um ihn über ihre Schultern zu legen. Sein Atem dampfte. Die Hündin sprang an ihm hoch und bellte. Er herrschte sie an, Ruhe zu geben.

Er wollte die Fremde fragen, was sie hier tat, aber sie legte den Finger auf seinen Mund, dass es brannte. Dann flüsterte sie: «Grüssen Sie meinen Mann von mir.» Beinahe unhörbar murmelte sie einen Namen. Nach einer Pause fuhr sie fort: «Er spricht nicht mehr mit mir. Bitte sagen Sie ihm, dass ich ihn bald besuchen komme.» Sie liess den Mantel von den Schultern hinab auf die Steine gleiten und verschwand wieder im Wasser. Er hingegen blieb lange Zeit reglos stehen.

Am nächsten Tag kam ihm das Erlebte wie ein alberner Traum vor. Er versuchte die Erinnerung daran abzuschütteln, aber sie heftete sich an jeden Gedankengang und lenkte ihn stets zu dem Namen, den sie geflüstert hatte. Es bereitete keine Mühe, die Adresse in Erfahrung zu bringen.

So verlegte er seine Spaziergänge zu dem Haus und blieb meist vor dem Gartentor stehen. Nach einigen Wochen begegnete er einem alten Mann, der sich am Zaun zu schaffen machte. Sie kamen miteinander ins Gespräch und der Alte klagte, dass die Biber einen Obstbaum auf dem Grundstück gefällt hatten. Gleichzeitig erschien eine Gestalt im Garten. Sie trug den Morgenrock und die Pantöffelchen, die in der Nacht auf der Brücke gelegen hatten.

Der Alte drehte sich um und sagte: «Jetzt erwische ich dich». Er packte ein Gewehr, das an den Zaun angelehnt gewesen war, ohne dass man es von der Strasse her gesehen hatte. Er zielte und schoss. Danach meinte er zufrieden: «Schauen Sie sich das fette Tier an. Das hat sich zum letzten Mal an meinen Bäumen satt gefressen.» Auf dem Boden lag ein lebloser Biber. Er blutete kein bisschen.

Siehe auch: «Besuch von der Wandfrau»

6 Gedanken zu “Die Biberfrau

  1. Zauberhaft schräg und dunkel faszinierend – wie es eben Sagen sein können. Ich freue mich sehr auf die Kommenden! Und die Illustration ist ein Kunstwerk – von wem?

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  2. Eine gruslig schöne Geschichte! Sie fängt die ganze Kraft dieses speziellen Ortes ein, an dem die Aare (aus Bern kommend), die Reuss (aus Luzern kommend) und die Limmat (aus Zürich kommend) zusammenfließen..

    Ich freu mich schon auf die nächste Geschichte.

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