Sagenstark. Titelbild. Der Fels im Wald

Der Fels im Wald

Lange vor den Villmerger Kriegen gab es an der Strasse zum Kloster Frauenthal ein Waldstück, in dem noch nie ein Verbrechen stattgefunden hatte. Ein Mann, der davon nichts wusste, entschloss sich, in jenem Waldstück sein Lager aufzuschlagen. Der Mann aber war nichts anderes als ein Räuber.

Mitten auf der Strasse durch das Waldstück lag ein mächtiger, schwerer Granitstein. Er versperrte die Strasse, sodass alle dem Hindernis ausweichen mussten und dabei viel Zeit verloren.

Eines Tages kam ein reicher Kaufmann mit einem Wagen und vier Pferden des Wegs. Der glänzend geschmückte Wagen war reich beladen. Als der Kaufmann bei dem grossen Granitstein anlangte, zügelte er die Pferde und hielt an.

«Wohin wollt ihr?» fragte der Räuber, der ihn hatte kommen sehen.

«Ich bin auf dem Weg zum Kloster. Ich bringe Gold, Silber, Edelsteine und allerlei Stoffe dorthin, um der Äbtissin den Dank einer adligen Tochter zu erbringen.»

Der Räuber antwortete: «Gott kennt keine Eile. So helft mir, den schweren Stein hinweg zu tragen. Euer Wagen sinkt im feuchten Waldboden ein, wenn ihr die Strasse verlasst. Und ich selbst bedarf eines Versteckes am Strassenrand.»

Der reiche Kaufmann überlegte es sich gut. Dann stieg er ab und half dem Räuber, das mächtige Hindernis aus dem Weg zu räumen. Sie arbeiteten sieben Tage und sieben Nächte lang. Zwischendurch schliefen sie vor Erschöpfung ein und merkten nicht, dass ihnen des Nachts Waldwesen zur Hand gingen.

Als sie am achten Tage erwachten, lag der Granitstein neben der Strasse, und die Sonne schien. Der reiche Kaufmann sagte: «Jedes Hindernis ist nur so gross, wie man es sich macht.» Dann stieg er wieder auf seinen Wagen, und der Räuber winkte ihm zum Abschied.

Der Räuber lebte noch lange glücklich in jenem Waldstück, indes der reiche Kaufmann kehrte nie mehr zurück.

2 Gedanken zu “Der Fels im Wald

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