Sagenstark. Die Hand des Franzosen

Die Hand des Franzosen

Oberhalb des Moores von Rothenthurm liegen einige Bauernhöfe am Hang, und in einem davon lebten vor langer Zeit eine Bäuerin und ihr Mann. Seit vielen Jahren drückte sie eine Last. Als die Franzosen im Land gewesen waren, also nach der Schlacht von 1798, war ein hungriger Franzose zu ihnen hochgeschlichen, ins Haus eingebrochen, und er hatte alles zusammengerafft, was er tragen konnte. Die Bäuerin und ihr Mann hatten sich gewehrt, dabei war der Franzose zu Tode gekommen. Also hatten sie ihn verscharrt.

Seither schaute im Winter eine hellgraue Hand aus dem Boden. Wenn es über Nacht Frost gab, waren die Finger mit Eiskristallen überzogen. Wie oft hatte der Bauer die Hand schon abgehackt und neu vergraben! Es half nichts. Im Jahr darauf ragte sie erneut aus dem Boden.

Auch in diesem Jahr war es so. An einem Winterabend roch die Luft nach Schnee. Der Bauer spürte sein Herz. Es schmerzte ihn, und er legte seine grosse Hand auf die Brust. «Frau, der Franzose greift nach meinem Herz. Wir hätten ihn nicht erschlagen sollen.»
Die Bäuerin stand am Herd, stiess die Riebel in der Pfanne und sagte: «Sei still. Es wird Schnee geben, dann ist alles zugedeckt. Dann ist Ruhe.»

In diesem Moment klopfte es an die Tür.

Sie hielten inne. Der Bauer ging hinaus. Niemand war da. Aber ihm war, als würden tausend scharfe Eiszapfen gegeneinander schlagen. Ein frostiger Stich fuhr ihm durch den Leib. Schnell schlug er die Tür zu. Er hastete zurück in die Küche und stand nahe an den Herd. Seine Frau sah, wie er zitterte, und sagte: «Was ist mit dir?»

Draussen blies der Wind. Die Fensterläden klapperten. Es wurde langsam dunkel, dann klopfte es erneut an die Tür. Die beiden zuckten zusammen. Diesmal stand eine alte Frau vor der Tür. Sie trug einen Korb, der mit einem Tuch bedeckt war. «Ich bringe euch etwas», sagte sie und trat näher. Mit einem Ruck zog sie das Tuch weg. Der Korb war bis zum Rand mit weissen Knochen gefüllt.

Die Bauersleute wichen zurück, verriegelten die Tür und verbargen sich hinter dem Ofen. Die Bäuerin hatte dort ein Kruzifix an der Wand. Sie flüsterte die Namen aller Heiligen, die sie wusste. Der Bauern presste die Hand auf die Brust und keuchte.

Mitten in der Nacht krachten Faustschläge gegen die Tür.
Die Frau sagte: «Geh nicht!»
Er antwortete: «Es ist soweit. Adieu, Frau.» Dann ging er hinaus.

Die Bäuerin bewegte sich nicht, bis es Morgen wurde und der Ofen kalt war. Sie schaute aus dem Fenster. Es hatte geschneit über Nacht, der Hof war bedeckt. Sie öffnete die Haustüre vorsichtig. Auf der Schwelle lag die Haut ihres Mannes.

Ihren Schrei hörte man bis nach Einsiedeln.

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