Die törichte Frau

Eine Frau wohnte mit ihrem Mann und den Kindern in einem kleinen Haus am Fuss des Albis im Aeugstertal. Das Haus stand mitten in einem grossen Bungert, wo Apfel-, Zwetschgen- und Chriesibäume jedes Jahr reichlich Obst trugen. Die Frau sagte von sich, dass sie zu niemandem unfreundlich sein und niemandem etwas ausschlagen könne. Das stimmte in gewisser Weise auch.

Klopfte die Nachbarin an die Tür und bat um eine Handvoll Klaräpfel für Apfelmus, so antwortete die Frau: «Nehmen Sie so viele aus dem Hurdeli, wie Sie brauchen, und suchen Sie nur die schönsten heraus, damit das Apfelmus richtig hell wird.» Wenn die Kinder aber aus der Schule kamen, dann wetterte die Frau: «Die Nachbarin war wieder da und hat sich einen ganzen Korb voll Äpfel geholt, nur weil sie zu geizig ist, Äpfel zu kaufen, und zu faul, selber einen Baum zu ziehen. Schaut, dass ihr euch nie auf Kosten anderer den Bauch vollschlagt!» Die Kinder, die nach einem hellgrünen Apfel hatten greifen wollen, liessen ihre Arme sinken. Sie hatten keinen Hunger mehr.

Einmal nahm die Frau gerade einen Chriesiauflauf aus dem Ofen, als ein Freund des Mannes ins Haus trat. Sie lud ihn ein, sich an den Tisch zu setzen, und schöpfte ihm ein dampfendes Stück auf den Teller. Er langte gerne zu und spuckte die Steine auf den Tellerrand. Die Kinder verfolgten sein Tun mit hungrigen Mägen. Als sich der Gast verabschiedet hatte, sagte die Frau zum Mann: «Was für ein ungehobelter Mensch, dein Freund! Er hat uns das halbe Abendessen vertilgt. Wovon sollen wir jetzt satt werden?» Die Kinder assen an diesem Abend nur sehr wenig, um der Mutter nicht zur Last zu fallen. Der Mann sagte kein Wort, doch von da an war er noch häufiger im Wirtshaus Müliberg anzutreffen.

Die Kinder wuchsen heran. Ihre Sorge um die Mutter schlug allmählich in Überdruss um. Sie lachten sie aus, wenn sie jammerte, Gutmütigkeit werde von aller Welt ausgenutzt.

Als die Kinder ausgezogen waren, fehlte ihnen nichts. Der Frau aber fehlten die Kinder. Sie beschwerte sich bei der Nachbarin über die missratene Brut, für die sie alles gegeben hatte und die sich nun überhaupt nicht um die Mutter kümmerte.

Nachdem der Mann gestorben war, lebte die Frau viele Jahre allein in dem Haus mit dem grossen Bungert und hegte verbitterte Gedanken. Sie starb, ohne zu merken, wie töricht sie gewesen war.

Weil die Kinder sich nicht einigen konnten, was mit dem Grundstück geschehen sollte, verwilderte der Garten. Die Bäume trugen Obst in einer Pracht wie nirgendwo sonst. Fremde Kinder pflückten die Früchte auf dem Schulweg, bewarfen sich damit oder bissen vergnüglich hinein. Wenn die Chriesi reif waren, spuckten die Kinder die Steine um die Wette auf die Strasse.

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