Sagenstark. Mur vom Val Triazza

Der Mur vom Val Triazza ist erwacht

Es regnet Bindfäden, die Erde hat sich längst satt getrunken und muss weiter saufen. Wasserbäche sickern durch Dreck und Geröll und rinnen über die Nüstern des Murs, der lange Zeit im Erdinnern, zwischen Felsen begraben, ausgeharrt hat. Er riecht die sommerliche Luft im Wasser und schnaubt, denn er weiss, was das heisst. Er schlägt mit den Hufen aus, neigt seinen Kopf zur Seite und stösst seine Hörner durch die Erdmasse. Verkeilte Felsen lösen ihren harten Griff. Der Mur zwängt sich höher durch Dreck und Brocken, zerreisst das Wurzelgeflecht.

Immer leichter wiegt die Erde auf seine Schultern. Als er seinen vierschrötigen Kopf aus durchtränktem Humus hebt, schiesst die Triazza über ihn hinweg. Die Gischt des Bachs raubt ihm den Atem, doch dann steht er auf und schüttelt Dreckklumpen von seinen zottigen Flanken.

Dampfend stampft er durchs Bachbett, streckt seine Glieder, die vom langen Warten schwerfällig geworden sind. Er lässt seinen Schwanz wie eine Peitsche durch die Luft sausen und prescht dann durchs Wasser, das unter seinen Hufen spritzt und zischt.

In triumphierenden Tanz um die eigene Achse löst der Mur Kiesel und Steine aus dem Bachbett und weidet sich am beginnenden Malmen und Knirschen unter seinen Hufen. Er donnert bergauf und -ab, befeuert von seinen eigenen Schwanzhieben. Der Bach schwillt zum grauen Geschiebe an, das sich Welle um Welle talwärts wälzt.

Am Saum ächzen Büsche und junge Bäume: «Wer hat den Mur befreit? Er wird uns zerquetschen! Haltet ihn! Haltet ihn auf!»

Der Mur hört nichts in dem Brausen. Er fühlt sich eins mit dem Treiben, tollt im Strom, der unter seinen Hufen breiter werdend an allem zerrt und mit sich fortspült, was im Weg steht: Stämme, Wurzelstöcke, Brocken und Bretter.

Der Mur dreht sich, springt und schnauft. Vorbeischiessendes Geröll lässt seine Beine fiebrig tanzen. – Sein Triumphieren verblasst. Schlamm zieht an seinen Zotten, drückt in seine Flanken und schiebt ihn abwärts. Der Mur verheddert sich, in was er selber losgetreten hat. Vergeblich versucht er sich seitwärts zu retten; Geröll brandet über ihn hinweg, drückt ihn nieder und rast auf eine kleine Siedlung im Tal zu.

Die Menschen stehen an den Fenstern ihrer Häuser, beobachten den Bach, der sich in einen Mahlstrom verwandelt hat. Er türmt sich an einer kleinen Brücke, hebt sie hinweg, und wogt über Strasse und Wiese. Eine Gruppe von Bäumen teilt den Strom in zwei Arme. In der Umklammerung steht ein einziges Haus. Ferienkinder, zusammengetrommelt, harren in der Stube aus, während das Geröll an der Hausmauer vorbeikracht. Ob sie hält?

Der Strom verschlingt Zelte und Autos; spuckt sie an den Rand, als wären sie ungeniessbar. Plötzlich schwimmt auf dem aufgewühlten Dreck eine Kiste: ein kleines unbemanntes Boot! Es segelte direkt auf den Eingang des Hauses zu, wo sich die Tür von dem Gewicht des Schlamms nach innen biegt. Die Tür knallte auf und in die Bresche springt die Kiste, der Schlamm leckt und die Steine mahlen an ihr, doch sie hält. Nur den Schlick spült es unter ihr hindurch in den Korridor.

Die Leiterinnen rufen: «Bringt euch in Sicherheit!» Und die Mädchen rennen erschrocken über den fliessenden Boden des Korridors. Eines nach dem anderen rettet sich mit einem Sprung zur Treppe und hinauf in den ersten Stock.

Und der Mur? Weiter oben am Berg, das Maul voller Steine, seufzt er. Wie kurz war die Freiheit, wie ungestüm sein Mut! Er versinkt mit Kopf und schlammgebundenen Beinen. Von mächtigen Felsen auf seinem Rücken zur Ruhe gezwungen, ergibt er sich, fällt in einen schweren Schlaf voller wilder Träume von seinem nächsten Gang.

 

Ein Gedanke zu “Der Mur vom Val Triazza ist erwacht

  1. Das ist in meinen Ohren die stärkste der sagenstarken Sagen. Da krieg ich richtig Gänsehaut. Von der Sprache und von dem Inhalt. Toll gemacht, Ihr beiden! Danke!

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