Sagenstark. Die Mutprobe

Die Mutprobe

Nein, der Tobi hat als Bub jede Wette verloren. Also wirklich jede!
Und es war auch sonnenklar, wer die Wetten immer gewann.
Kirschkernspucken? – Ich, mit Abstand!
Luft anhalten? – Ich.
Freihändig velofahren? (Also mit verschränkten Armen!) – Ich.
Ausser, wenn wir kämpften, gewann manchmal er, oder eigentlich immer er, aber das gilt nicht. Das zählt ja nicht als Wette.

Der Tobi wohnte wie ich in Waldhaus und ging nach Lützelflüh zur Schule. Und immer im Herbst fuhren wir mit dem Velo den Umweg nach Ramsei. Denn dann wurden vom ganzen Emmental die Äpfel in Bahnwaggons zum Ramseier geliefert, um Most zu machen. Der Tobi und ich, wir fuhren dann hin und stibitzten heimlich einen Apfel.
Also ich immer zuerst, der Tobi erst danach, der Schisshaas.

Genau das hat mich einmal wütend gemacht. So wütend! Ich sagte: Tobi, du bist ein Schisshaas. Du traust dich überhaupt rein gar nichts. Du bist der allergrösste Riesenschisshaas der Welt, das bist du!
Und er?
Wie immer: Nach einer Sekunde war ich in seinem Würgegriff. Keine Bewegung, kaum Atmung. Gib auf! sagte er.

Also ehrlich! Man fragt sich schon, warum immer die besten Freunde solche Blödiane sind.
Er liess mich los. Wir schwiegen. Zwei Wochen lang. Das tat weh.
Schliesslich ging ich zu ihm und sagte: Tobi sei nicht so verstockt, wir sind doch Freunde?
Der Tobi schaute mich an und sagte dann: Ich werde auf das Galgeli hinaufsteigen.

Das Galgeli war der frühere Galgenhügel bei Ramsei. Auf dem Hügel waren die Leute des Emmentals hingerichtet worden. Da war es keinem von uns geheuer. Es hiess, dass dort ein Mann umgehe, der auf Kinder warte, mit einem Strick um den Hals. Einige sagten, sie hätten ihn sogar gesehen.
Ich sagte zum Tobi: aufs Galgeli? Das ist ja nicht schwer. Da spaziere ich dir vor dem Zmorgen hinauf!
Darauf der Tobi finster: Aber ich werde heute um Mitternacht gehen. Alleine.
Ou! Jetzt kam der mir so! Also sagte ich: Du Schisshaas! Das machst du nie. Du stirbst ja, wenn du nur schon an das Galgeli denkst.
Der Tobi zeigte seinen Dolch: der Beweis, sagte er. Morgen kannst du hinaufsteigen. Dann siehst du den Dolch im Boden des Hügels stecken.
Dann liess er mich stehen. Sein Kinn war gereckt. Aber so gereckt.

Ich stellte den Wecker nachts auf halbzwölf, schlich aus der Wohnung, schnappte das Velo und fuhr los, die Taschenlampe im Sack. Zum Glück war es überhaupt nicht dunkel, wegen des Mondes. Plötzlich entdeckte ich den Tobi! Er fuhr geradewegs in Richtung Galgeli, und ich folgte ihm, mit Sicherheitsabstand. Sein Klappervelo hörte man ziemlich laut, meines war ja tipptopp. Beim Galgeli warf er das Velo hin und kraxelte den Hügel hinauf. Mitten in der Nacht! Ganz allein!
Ich natürlich hinterher! Ich stellte das Velo ab, wieselte zum Fuss des Hügels, sobald der Tobi oben verschwunden war, dann kletterte ich hinauf und beobachtete ihn. Er ging langsam, Schritt für Schritt, schaute sich immer wieder um, dann erreichte er die Stelle, wo früher der Galgen gestanden hatte.
Er duckte sich, hielt einen Dolch in der Faust, Klinge gegen unten, und rammte diesen in den Boden. Dann wollte er aufstehen. Aber ich sah, dass er zurückgerissen wurde. Aus dem Boden zerrte ihn etwas nach unten! Der Tobi schrie laut. Er stemmte sich gegen das, was ihn festhielt. Er schrie wie ein Tier. Mir sträubten sich im Nacken voll die Haare. Ich rannte los.
Endlich war ich bei ihm, packte ihn am Arm, um ihn wegzuziehen. Der Tobi schrie: Lass mich los! Lass mich los!, und ich schrie: Lass ihn los! Lass ihn los! Dann hörte man einen schrecklichen Riss. Der Tobi und ich fielen hintenüber. Wir kreischten, strampelten mit den Beinen, ich hieb mit der Taschenlampe.
Bis wir beide merkten, dass da gar nichts war.

Wir sassen eine Weile ganz nah beieinander, der Tobi und ich. Er sagte: Ich bin fast gestorben vor Schreck. Warum bist du überhaupt da?
Vor uns steckte der Dolch im Boden, ein Fetzen Windjacke daran.

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