Sagenstark. Der Schatz

Der Schatz

Ich stapfe durch den verwilderten Garten auf Wobmanns Haus zu. Ich soll Wobmann im Auftrag der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde einen Besuch abstatten. Eine Nachbarin sorgt sich um ihn.
Der Lack auf der Wohnungstür blättert ab. Aus dem Briefkastenschlitz hängen nasse Zeitschriften. Der Schuhabstreifer hat dunkle Flecken.
Wobmann macht auf, starrt mich an. «Was für ein blöder Kerl sind Sie?»
Ich antworte: «Herr Wobmann! Wir haben miteinander telefoniert! Schon vergessen?»
Er presst die Lippen zusammen. Seine Haut ist grau, von scharfen, schmalen Furchen durchzogen. Aus dem Kinn ragen einzelne Barthaare.
Die Wohnung riecht abgestanden
«Lassen Sie mich rein?» frage ich.
«Aber Schuhe aus!» sagt er.

Im Korridor stapeln sich kniehoch alte Zeitungen, Plastiksäcke, Kartonverpackungen, Flaschen. Ich bücke mich und beginne, alles in mitgebrachte Abfallsäcke zu schaufeln. Wobmann beobachtet mich brummend, lässt mich jedoch gewähren. Das Wohnzimmer sieht schlimmer aus. Ich fülle Sack um Sack und stelle jeden vor die Tür.
«Verdammt, Sie räumen mir die Wohnung aus!», protestiert er.
«Helfen Sie mir lieber», sage ich und drücke ihm einen Abfallsack in die Hand, «halten Sie fest, ich schaufle.»

Plötzlich halte ich inne. Auf dem obersten Tablar der Wohnwand, hinter einer Glasscheibe, liegt ein grosser Stoffbeutel. Was das sei, frage ich ihn. Er zuckt mit den Schultern.
Der Beutel aus weissem Leinen wiegt schwer. Ich löse ein Stoffband und blicke hinein.
«Das gibt’s doch nicht!» entfährt es mir. Im Inneren liegen Münzen, Hunderte von Münzen! Ich zeige sie ihm: «Ich habe Geld gefunden, Herr Wobmann!»
Wieder zuckt er mit den Schultern.

Nach einer halben Stunde habe ich unter einem Sofakissen, im Inneren des Sekretärs und auf der Vorhangschiene weitere Stoffbeutel entdeckt. Schliesslich durchforste ich die ganze Wohnung, Schlafzimmer, Küche, Medikamentenschrank, Loggia, ja sogar den Tiefkühler. Überall hat er sein Geld deponiert. Zuletzt fördere ich unter der Spüle eine Schuhschachtel zutage. Sie ist gefüllt mit Bündeln von Banknoten, die mit Gummibändern zusammengehalten sind.
Ich pfeife durch die Zähne. Wobmann blickt in die Schachtel, dann über die mehreren Dutzend Stoffbeutel.
«Ist das mein Geld?» fragt er.
«Wo ist Ihr Reisekoffer?» sage ich.

Ich bringe ihm seine abgenutzte Jacke, und ich setze Wobmann in meinen Wagen. Danach hole ich aus dem Haus einen Lederkoffer, der von einem Schnallenverschluss zusammengehalten wird. Er ist so schwer, dass ich ihn kaum tragen kann. Ich wuchte ihn auf den Rücksitz.
«Jetzt machen wir einen Geldtransport», sage ich gut gelaunt.

Auf der Fahrt ins Zentrum ist mir, als würde Wobmann grinsen. Hinter der Bankfiliale parke ich. Wir steigen aus und schleppen den Koffer zu zweit in den Empfangsraum. Dort meint man mit besorgtem Blick, der Herr Huber komme sogleich, ob wir solange Platz nehmen möchten. Wir setzen uns in rote Ledersessel, Wobmann links, ich rechts, und zwischen uns wartet der Koffer.
Eine Weile schweigen wir.
Dann neigt sich Wobmann zu mir und sagt: «Ich bin stinkreich! Ich könnte diesen Sessel kaufen!»
«Sie könnten diese Bank kaufen!»
Wir müssen so lachen, dass es uns schüttelt.

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