Sagenstark. Neue Sagen aus der Schweiz. Der Teufel im Dorf

Der Teufel im Dorf

Auf der Furkastrasse vor dem Dorfladen in Fiesch war lange Zeit eine scharfkantig ausgebrochene Stelle im Asphalt, so eine Art Wunde, ein aufgeschürftes Stück Strasse, über dessen Entstehung sich die Kunden beim Verlassen des Ladens keine Gedanken machten. Nur die Wenigsten wussten, was viele Jahre zurück an jener Stelle geschehen war, zu Zeiten als Frau Humbodel Chefin des Ladens war und über der Tür drei Glocken hingen.
Beim Betreten klingelten die Glocken, dann war man in ihrem Reich, unter ihrem scharfen Blick. Es war blitzsauber, und sie behandelte die Kundschaft korrekt, da konnte man überhaupt nichts beanstanden.

Eines Morgens jedoch war ein muffig riechender Kunde in ihren Laden getreten, der sich nach hinten zu den Bieren und den Weinen verdrückte und dort Etiketten anfasste und Aktionsschilder herunterriss. Frau Humbodel wusste sofort, dass dies der Leibhaftige war, denn die Neonröhren bei den Tiefkühltruhen begannen zu flackern und das Kleingeld in der Kasse klimperte. Frau Humbodels Herz schlug schneller.

Der Teufel war derweil zum Gestell mit den Gewürzen geschlurft. Dort klaubte er ein Gläschen Pfeffer aus dem Gestell, schraubte den Deckel ab und schüttete den ganzen Inhalt auf den Boden. Danach entschraubte der Kerl nacheinander Küchenkräuter-, Knoblauch- und Chilipulverfläschchen und verschüttete alles, bis Frau Humbodel der Kragen platzte: «He, Sie!»

Der Satan tat, wie wenn ihn dies nichts anginge. Er stahl sich zu den Vanillecremedosen, befingerte die Milchschokoladetafeln und blieb bei den Eierkartons stehen. «Nein, die fasst er mir nicht an», dachte die Ladenführerin, die sein Treiben im Deckenspiegel beobachtet hatte. Aber schon hatte der Bockfüssige seine behaarte Klaue zwischen die Kartons geschoben, und etwa zehn davon mit einem kräftigen Ruck heruntergeschlagen.

«So, jetzt aber raus!», sagte Frau Humbodel, «oder ich hole die Polizei.»

Der Gehörnte grinste frech und trollte sich dann in Richtung Kasse, wo er einen blitzschnellen Griff in die Kaugummis tat, kräftig zulangte, zum Ausgang sprang, die Tür aufriss und unter Glockenklingeln auf die Strasse lief.

Nach einem Augenblick der Überraschung kam Bewegung in Frau Humbodel. «Der soll mich kennenlernen!» stiess sie hervor und setzte ihm nach. «Halt!» donnerte ihre Stimme auf der Furkastrasse, sodass Passanten den Kopf wandten, «das ist der Beelzebub!»

Dieser lief quer über die Strasse, wo er einem Opel direkt vor den Kühler geriet. Es krachte. Den Leibhaftigen schleuderte es zu Boden, die Kaugummis flogen wie tote Falter durch die Luft und regneten neben ihm zu Boden. «Jesses Gott!» sagte eine Passantin, die Hand vor dem Mund. Dies löste im Körper des Teufels ein Zucken aus, er wand sich und hämmerte mit den Fäusten auf den Asphalt. Dieser riss auf, verschluckte den Satan und schloss sich mit einem gewaltigen Knall.
Nur dort, wo ein bisschen Teufelsblut sich in den Asphalt gefressen hatte, blieb jene aufgebrochene Stelle zurück.

Frau Humbodel schüttelte den Kopf und stapfte in ihren Laden zurück, wo sie noch weitere 37 Jahre arbeitete. Der Leibhaftige zeigte sich nicht mehr bei ihr. Wenn sie aber von der Kundschaft auf die Begegnung angesprochen wurde, sagte sie stets: «Es gibt schon freche Siechen!»

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Meidpass Sagenstark

Der Kentaur vom Meidpass

Von St. Niklaus fährt eine kleine Gondel hinauf nach Jungen, von wo aus ein Weg über den Augstbordpass ins Turtmanntal führt. Die Gondel schwankte in schwindelerregender Höhe. In ihr sassen ein deutsches Ehepaar, das sich in bewundernden Ausrufen über die Viertausender erging, und Rolf Schnell. Er war blind und taub für die Schönheit der Natur. Tags zuvor war er beim Verwaltungsrat mit seinen Vorschlägen zur Sanierung der Firma abgeblitzt. Am Montag würde er Kurzarbeit einführen müssen. Da hatte er entschlossen, übers Wochenende in die Berge zu fahren, um …weiterlesen